"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 65 / Sommer 2008
 
 

Be Berlin - Be StäPa - Be San Rafael
Ein Briefverkehr aufgrund der "Glosse" - Viel Lärm um ein fast Nichts

"Be San Rafael", war der kleine Artikel im "Tagesspiegel" vom 27. März 2008 überschrieben. Der Text war ironisch gemeint. Meinte der Herr Redakteur. Verstanden wir aber nicht alle. Oder sind wir einfach nur humorlos, wenn es um "unser" San Rafael geht? Immerhin: Der Verfasser, Stefan Jacobs, lenkte nach unseren Protestbriefen reumütig ein. Hier einige Auszüge aus unseren Leserbriefen und zweien seiner Antworten:

"Sehr geehrter Herr Jacobs,
unter dem Motto "be borniert" wäre Ihr Artikel ein echter Kracher!
Nicht nur, dass Sie ein Land als Bananenrepublik diffamieren, von dem Sie vermutlich nicht einmal wissen, wie der aktuelle Staatspräsident heißt, Sie stoßen auch einer engagierten Gruppe vor den Kopf, die seit über 20 Jahren ehrenamtlich für eine lebendige Städtepartnerschaft eintritt! (...)
Die vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg zur Verfügung gestellten Mittel ermöglichen es dem "Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Kreuzberg - San Rafael del Sur" ein Projekt zur integrierten Armutsbekämpfung durchzuführen, was in großen Teilen von der EU finanziert wird. Der nicht unerhebliche Eigenanteil wird durch Spenden und öffentliche Zuschüsse getragen. Damit kann immerhin ein Volumen von über einer halben Million € in einem Gebiet investiert werden, das es bitter nötig hat. Wenn Sie mit Ihrer Polemik einen ähnlichen Effekt erzielen, würde es mich wundern.
Heike Krieger"

"Lieber Stefan Jacobs,
eine wahre Freude, gut recherchierte, spitzfindige Artikel zu lesen.
Ebenfalls eine Freude, dass Sie sich für Berlin über den guten "Draht in die Bananenrepublik" freuen und meinen, auf die Städtepartnerschaft Kreuzberg - San Rafael del Sur nicht verzichten zu können. Schade nur, dass Sie anscheinend nicht wissen, was das Ganze soll. (...) Entwicklungszusammenarbeit kostet, in diesem Fall u. a. den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Aber Wirtschaftsprofis geht es auch immer um Effizienz: Aus einem Euro des Bezirks werden durch die damit mögliche Förderung der EU, des BMZ sowie zahlreicher Stiftungen schnell zehn Euro. (...)
Seit 1997 wird "integrierte Armutsbekämpfung" betrieben, das heißt, mehr als 40.000 Menschen im Landkreis San Rafael del Sur finden Wege, trotz Dürren oder Hurrikans für eine eigenständige, vielseitige und damit gesunde Ernährung zu sorgen. Sie finden Einkommensquellen, die ihren Kindern u. a. den Schulbesuch gestatten. Sie entkommen finanziellen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten und können so ein selbstbestimmtes Leben führen. (...)
Mit freundlichen Grüßen, Kerstin Wippel"

"Lieber Stefan Jacobs,
Danke für Ihren mutigen Artikel. Endlich mal wieder Volkes Stimme im Tagesspiegel. Nichts gegen internationale Partnerschaft und globale Verantwortung, aber warum müssen wir immer dafür zahlen? Ja, die Menschen in San Rafael del Sur müssen mit einem Euro am Tag auskommen und werden nicht satt, aber auch hier steigen täglich die Bierpreise. Millenniumsentwicklungsziele verwirklichen, Entwicklungszusammenarbeit an der Basis betreiben, Armut und Hunger bekämpfen, die Kindersterblichkeit reduzieren: Nur realitätsferne Träumer wie der damalige Bundespräsident Herzog besuchen Friedrichshain-Kreuzbergs Partnergemeinde in Nicaragua, um dort öffentlich unter internationaler Beachtung die "exzellente Arbeit" und das bürgerliche Engagement zu loben. UN-Vollversammlung, die Europäische Union, die Bundesregierung, der Berliner Senat: Sie irren alle, wenn sie glauben, ausgerechnet wir hätten eine Verantwortung für eine gerechtere Welt. (...) Wir brauchen diese koloniale Verbindung doch gar nicht mehr! Meine Bananen bekomme ich viel billiger bei Lidl um die Ecke.
Erich Köpp"

"Sehr geehrter Herr Jacobs,
na, da ist Ihnen ja ein toller Artikel gelungen!
(...) Aber mal im Ernst: Haben Sie sich je mit den Verhältnissen in Nicaragua beschäftigt? Wissen Sie, was die Städtepartnerschaft wirklich tut? Haben Sie mal einen Blick auf die Homepage geworfen? Haben Sie mal mit irgendjemand vom Verein gesprochen?
Das sollten Sie tun, bevor Sie polemische Artikel schreiben, ohne auch nur einen Hauch einer Ahnung zu haben, wovon Sie schreiben.
Anne May"

"Sehr geehrte Frau Wippel,
haben Sie vielen Dank für Ihre Mail. Angesichts Ihrer Argumente kann ich Ihnen nur Recht geben: Die Glosse war wohl nicht die richtige Form, sich des Themas anzunehmen. Natürlich sollte die Partnerschaft nicht ernsthaft infrage gestellt werden; es ging eher um die - im Vergleich zu sonst üblichen Kosten - erstaunlich geringen Beträge. Aber Ihre Anmerkung, dass die Partnerschaft einem im besten Sinne guten Zweck dient, nehme ich gern zur Kenntnis- ebenso wie Ihre Kritik.
Bleiben Sie uns trotzdem gewogen und seien Sie freundlich gegrüßt,
Stefan Jacobs
Der Tagesspiegel
Berlin-Redaktion"

"Sehr geehrte Frau May,
(...) Offenbar ist der Eindruck entstanden, die (ursprünglich von dem im Text erwähnten FDP-Abgeordneten infrage gestellte) Partnerschaft mit San Rafael del Sur sei Geldverschwendung. Das sollte nicht sein, und Zeitdruck beim Schreiben darf kein Argument für solche falschen Zungenschläge sein. Insofern nehme ich Ihre Kritik selbstverständlich an - und gelobe Besserung für künftige Texte.
Bleiben Sie uns trotz dieses Ärgernisses gewogen und seien Sie freundlich gegrüßt,
Stefan Jacobs
Redaktion Berlin/Brandeburg"