"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 66 / Winter 2008

Auf Augenhöhe und mit vollem Einsatz
Unser Koordinator Franz Thoma zum Abschluss des PISA-Projekts

Das von der Europäischen Union kofinanzierte PISA-Projekt ist nach 30 Monaten harter Arbeit am 31. August 2008 abgeschlossen worden. Der Titel des Projektes war „Proyecto Integral del Fomento de la Seguridad Alimentaria en San Rafael del Sur“ (Integriertes Projekt zur Förderung der Nahrungsmittelsicherheit in San Rafael del Sur), und da in Nicaragua wirklich alles und jedes in irgendeiner Abkürzung enden muss, hieß das Projekt eben „PISA“.

Im Mittelpunkt des Projektes stand die Verbesserung der Ernährungssituation vor allem für Frauen, Schwangere und Kinder unter fünf Jahren.

Was haben wir erreicht?

Zunächst will ich klarstellen, dass ich in diesem Beitrag keine Lust habe aufzuführen, wie viele Millenniumsziele wir erreicht haben, wie groß der „social impact“ war, dass es sich ausschließlich um nachhaltige Maßnahmen gedreht hat, etc. Das alles müssen wir im Endbericht für die Europäische Union beschreiben, in diesem Artikel will ich eben das gerade nicht tun. Das liest sich sonst so trocken. Letztendlich haben wir mit Menschen aus unserer Partnergemeinde zusammengearbeitet, und ich hoffe, dass es mir gelingt, über reine Statistik hinaus einige Eindrücke dieser Zusammenarbeit aufs Papier zu bringen.

Dennoch zuerst eine Zusammenfassung der wichtigsten Fakten zum PISA-Projekt:

  • 1426 KleinbäuerInnen nahmen an 80 workshops teil (51% Frauen),
  • 5402 KleinbäuerInnen nahmen an 332 allgemeinen workshops teil (54,5% Frauen),
  • 1646 KleinbäuerInnen erhielten verbessertes Saatgut (Bohnen, Maiz; Sorgum; 47% Frauen),
  • 200 funktionierende Hausgärten (80% Frauen),
  • 1040 KleinbäuerInnen pflanzten 37.940 Fruchtbaumsetzlinge (51% Frauen),
  • 202 KleinbäuerInnen pflanzten jeweils 0.3 Manzanas Bananenstauden,
  • 420 KleinbäuerInnen erhielten Gemüsesamen (46% Frauen).

Insgesamt gibt es in diesem Bereich der Verbesserung des Nahrungsmittelangebotes 2317 begünstigte Familien; etliche Familien haben an mehren Maßnahmen teilgenommen. Rechnet man mit einer durchschnittlichen Familiengröße von 5,5 Personen haben wir über 12.000 Menschen erreicht.

  • 1323 Schulkinder von 18 Schulen nahmen an den workshops zu richtiger Ernährung und Gesundheit teil.
  • An 18 Schulen existieren nun funktionierende Schulgärten.
  • 4499 Personen nahmen an 171 Workshops teil (53.5% Frauen).
  • 8 verschiedene Flyer mit 27.000 Exemplaren wurden erstellt und verteilt. Zusätzlich wurden insgesamt 42 Straßenschilder aufgestellt.
  • 3 Kampagnen zur Müllbeseitigung mit Aufklärungsmaterialien ermöglichten die Verringerung der Durchfallserkrankungen um 54% im Vergleich zu den Vorjahren.
  • Die Zahl der allgemeinen gesundheitlichen Basis-Untersuchungen in den Gesundheitszentren wurde um 39.8% erhöht.
  • Die Zahl der richtig ernährten Kinder stieg um 11.2%
  • Das Inventar der Gesundheitszentren mit Impfstoffen, Medikamenten und Chlor ergänzt.
  • Die Zahl der in den Gesundheitszentren durchgeführten Geburten stieg auf 90%.
  • Über den Ernährungszustand der Zielgruppe wurden detaillierte Informationen erstelt.
  • 600 Familien erhielten Latrinen.
  • Die beiden Gesundheitszentren erhielten Fahrzeuge, um auch entlegene Dörfer erreichen zu können.
  • Die MitarbeiterInnen von CEDRU haben an 6 verschiedenen Weiterbildungsprogrammen teilgenommen.

Mit diesen Resultaten haben wir die im Jahre 2005 formulierten Projektziele nicht nur voll erreicht, aufgrund eines über den gesamten Projektzeitraum sich für uns günstig entwickelnden Wechselkurses konnte in vielen Bereichen sogar mehr für die Bevölkerung in San Rafael del Sur getan werden, als wir eingeplant hatten.

Am Projekt wachsen

Für mich war es eine ganz besonders schöne Erfahrung zu sehen, wie sich die geplanten Maßnahmen relativ schnell und unproblematisch umsetzen ließen. Das hat zwei Gründe: Einmal ist unser Projektpartner CEDRU mit den 10 eingestellten Personen mit der Aufgabe gewachsen und hat sehr professionell gearbeitet. Zweitens ist das Verhältnis zwischen CEDRU, den „Alemanes“, der kleinbäuerlichen Bevölkerung, dem Erziehungsministerium und den beiden Gesundheitszentren über Jahre hinweg richtig eng zusammengewachsen. Besonders die beiden Direktoren der Gesundheitszentren in Masachapa und San Rafael del Sur (César und Martin) sind für uns nicht nur Vertreter von Institutionen, sondern eher gute Freunde.

Das soll nicht heißen, dass alles nur friedlich verlief. Bei der Programmierung eines speziellen Statistikprogramms (E-Siem, das von einem Informatikexperten des Gesundheitsministeriums MINSA entwickelt wurde) gab es zum Beispiel wochenlange, sehr anstrengende Diskussionen zwischen uns und den Direktoren, also richtig (konstruktiven!) Zoff. Wichtig aber war, dass niemand den Kram hingeschmissen hat und das Programm, zur Zufriedenheit aller, nachhaltig weiter läuft.

CEDRU und die Landbevölkerung

CEDRU ist als Ansprechpartner speziell für die kleinbäuerlichen Bevölkerungsteile nicht mehr wegzudenken. Zusätzlich halfen 20 aus den Dörfern rekrutierte PromotorenInnen bei der Erstellung der Auswahl- und Verteilungslisten für Gemüsesamen, Fruchtbaumsetzlinge und verbessertes Saatgut und bei der Bekanntmachung der hunderte dezentral durchgeführten Workshops, etc. Die meisten dieser PromotorInnen sind inzwischen langjährige, eingeschriebene Mitglieder der „Asociación“ CEDRU und somit allseits bekannte Menschen, auf die man sich einfach verlassen kann.

Ohne diese langjährige Arbeit in unserer Partnergemeinde San Rafael del Sur, die damit verbundene Einbettung in bestehende Gemeindestrukturen und die tolle Mitarbeit aus der Bevölkerung selbst hätten wir das PISA-Projekt sicherlich nicht so erfolgreich umsetzen können. Eine „Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe“ ist damit nicht einfach ein dahingeschriebener Satz, sondern eine stattfindende Tatsache.

Vor allem die drei AgartechnikerInnen, die Gender-Beauftragte Auxiliadora, die Ernährungsexpertin Virna und Enoc haben so gut wie alle Ecken und Winkel in den 59 Dörfern von San Rafael del Sur kennen gelernt, um dezentrale Workshops abzuhalten, Ratschläge zur Plagenbekämpfung zu geben, unterernährte Kleinkinder zu wiegen. Das heißt auch, dass man in die Dörfer fahren muss, was einen erheblichen Arbeitsaufwand mit sich bringt. Gerade die weit vom Ortskern San Rafael del Sur abgelegen Dörfer beherbergen die ärmsten Bevölkerungsschichten, mit anderen Worten: unsere Zielgruppe. Logisch, dass in diesen Dörfern die MitarbeiterInnen von CEDRU besonders freundschaftlich aufgenommen werden. Diese Freundlichkeit der Menschen kompensiert dann auch die auf die Nieren gehenden Schlaglöcher, die stechende Sonne, den Zeitverlust, der durch den im Schlamm stecken gebliebenen Pick-Up verursacht wird, etc.

Fazit und Ausblick

Im Jahr 2007 beeindruckte die Tatsache, dass wir auf dem Land tatsächlich richtig arbeiten, den von der Europäischen Union geschickten und extern bezahlten Monitoring-Experten aus Italien, Gian Piero, der 5 Tage lang mit uns über Land stapfte und schon am dritten Tag beide Sohlen seiner Marken-Wanderschuhe verloren hatte. Die schriftliche Bewertung seinerseits für das gesamte PISA-Projekt war außergewöhnlich gut.

Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass CEDRU und unser Verein sich auch überregional zu dem Thema Ernährungssicherheit engagiert haben. Neben den von uns zum großen Teil mitorganisierten Bauernmärkten in San Rafael del Sur 2006 und 2007 waren wir auch mit Stand, Schautafeln und Propagandamaterialien auf Ausstellungen und Messen auf nationaler Ebene vertreten. So waren wir bei einer UNICEF-Ausstellung, bei der FAO (Food and Agriculture Organization) und bei der EU und sind Mitglied in der auf nationaler Ebene agierenden Gruppe GISSAN (Interessensgemeinschaft Nahrungsmittelsicherheit) ebenso wie im nationalen Netzwerk der Schulgartenförderer.

In aller Bescheidenheit gesagt, haben unser Verein und sein nationaler Counterpart CEDRU sich auch mit PISA wieder als seriöse und auf gleicher Augenhöhe arbeitende Partner, speziell für die ärmsten Bevölkerungsschichten in San Rafael del Sur, erwiesen.

Trotz aller Erfolge: Ein kleiner Schatten wird für mich doch immer über dem PISA-Projekt liegen. Vor 13 Monaten verstarb unser Agrartechniker Pedro Martínez, der zu allem Leid auch noch drei Kleinkinder hinterließ. Der Compañero Pedro war in der Bevölkerung sehr beliebt, und deshalb an dieser Stelle noch einmal ein herzliches und dankbares: ¡ADIOS!

Nach dem so erfolgreich abgeschlossenen PISA-Projekt beginnen wir in diesen Tagen eine ganz ähnliche, wenn auch weniger umfangreiche Arbeit in unserem Nachbarbezirk Villa El Carmen (siehe dazu den Artikel „Klein-PISA“ in diesem Atabal). Unsere CEDRU-Crew und ich freuen uns darauf, in diesem sechsmonatigen „Pilotprojekt“ mit den Menschen in diesem Municipio daran zusammenarbeiten zu können, ihre Lebensbedingungen ein wenig zu verbessern und mit ihnen eine neue Zukunftsperspektive zu erarbeiten.

Franz Thoma