"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 66 / Winter 2008
 
 

Klein-PISA in Villa El Carmen
Ausweitung der Projektarbeit auf unser Nachbar-Municipio

Villa El Carmen heißt das Municipio, das nördlich an den Kreis San Rafael del Sur anschließt. Mit rund 562 km² ist es deutlich größer als unsere Partnergemeinde (375 km²), hat aber mit fast 39.000 EinwohnerInnen in etwa die gleiche Bevölkerungszahl. 12% der Bevölkerung leben in der Hauptstadt Villa Carlos Fonseca und anderen größeren Gemeinden, während die überwiegende Mehrheit im ländlichen Raum Landwirtschaft und Viehzucht betreibt. Eine nennenswerte Industrie gibt es nicht, und nur wenige landwirtschaftliche Produkte werden vermarktet, da sie vor allem dem Eigenbedarf der armen und extrem armen Familien dienen.

In Villa El Carmen existieren die gleichen Defizite und Probleme, wie sie in San Rafael del Sur bestanden und in vieler Hinsicht noch weiterhin bestehen. Was nicht existiert, ist eine internationale Kooperation, wie sie San Rafael del Sur in der über 20-jährigen Zusammenarbeit mit unserem Verein besitzt. Deren Erfolge sind in Villa El Carmen aber durchaus bekannt, zumal Familien einiger grenznaher Gemeinden bei Komponenten verschiedener Projekte der vergangenen Jahre mit begünstigt worden sind.

Deshalb ist es verständlich, dass uns die Anfrage erreichte, unsere Projektaktivitäten über die Municipiogrenze hinaus auszudehnen. Ein besonderes Interesse besteht in der Unterstützung des Bildungssektors.

Aufgrund von Recherchen, die unsere Partnerorganisation Centro de Desarrollo Rural (Zentrum für ländliche Entwicklung, CEDRU) in Zusammenarbeit mit der regionalen Vertretung des Bildungsministeriums (Ministerio de Educación, MINED) vorgenommen hat, wurde im September 2008 beim Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ein Antrag auf Bezuschussung des Projekts „Förderung der Bildung und Ernährung für Schulkinder in ländlichen Gebieten von Villa El Carmen, Nicaragua“ gestellt. Das BMZ hat diesen Antrag im entsprechenden Ausschuss am 28. Oktober 2008 positiv entschieden. Daher kann der Projektbeginn bereits im November 2008 erfolgen; sechs Monate später, also Ende April 2009 wird es enden. Allerdings müssen wir das Projekt zunächst mit Eigenmitteln starten, da das BMZ vor Übersendung des offiziellen Bewilligungsbescheids noch auf Rückläufe aus anderen Projekten wartet.

Trotz der Kürze der Laufzeit von sechs Monaten beinhaltet das Projekt zahlreiche und anspruchsvolle Komponenten:

Schulgärten

Die „primäre Zielgruppe“, wie das so „schön“ heißt, besteht aus rund 1.000 SchülerInnen an 16 ländlichen Schulen in Villa El Carmen. An diesen Schulen werden, wie wir es im gerade abgelaufenen PISA-Projekt in San Rafael del Sur auch realisiert haben, Schulgärten angelegt. Die dort angestellten 30 LehrerInnen werden in mehreren Fortbildungskursen in den Themen „Anlage und Pflege der Gärten“, „Gesunde Ernährung und Hygiene“ sowie „Moderne didaktische Methoden“ weitergebildet. Die Erfahrungen aus San Rafael del Sur zeigen, dass die Schulgärten von den SchülerInnen gut angenommen und liebevoll gepflegt werden. Die angebauten Produkte werden in der Schulspeisung verarbeitet, wodurch die Ernährung der Kinder vielfältiger und ausgewogener wird (Häufig ist diese Schulspeisung überhaupt die erste Mahlzeit des Tages für die Kinder). Parallel zur praktischen Arbeit im Schulgarten erhalten die SchülerInnen Unterricht in ernährungswissenschaftlichen Themen und zur Notwendigkeit der Hygiene.

Wir wollen in Villa El Carmen erreichen, dass auch hier die Eltern der Kinder und die Nachbarn der Schulen mit ihrem Wissen über die Verarbeitung und die gesundheitlichen Vorzüge einer diversifizierten und ausgewogenen Ernährung durch die angebauten Gemüse- und Obstsorten in diese Projektkomponente einbezogen werden. Um diese Projektkomponente in der Bevölkerung bekannt zu machen, wird es am Beginn der Laufzeit 8 dezentrale Auftaktveranstaltungen geben, bei denen die Menschen über Versammlungen und Info-Material auf diese Aktivitäten aufmerksam gemacht werden.

Am Ende der Projektlaufzeit werden die Kinder kleine Ausstellungen erarbeiten, mit deren Hilfe sie im Rahmen zweier Projekttage Kindern anderer Schulen, wo noch keine Gärten existieren, ihr erlerntes Wissen weitergeben können. Eventuell wird es möglich sein, aus den Samen der bestehenden Schulgärten Saatgut und Setzlinge an diese Schulen weiterzugeben, so dass auch sie Gärten anlegen können. Es wird auch versucht werden, landwirtschaftliche ProduzentInnen als Sponsoren und Paten für die Schulgärten zu gewinnen.

Schulbauten, -reparaturen und -ausstattungen

Ebenso wie in San Rafael del Sur befinden sich zahlreiche Schulen des Municipios in beklagenswertem Zustand. Deshalb beinhaltet unser Projekt den dringenden Neubau von 4 Klassenräumen in den Gemeinden San Diego (Nachbargemeinde von San Bartolo) und Salaminas, das im Nordwesten von Villa El Carmen liegt. Diese Schulen bestehen derzeit noch aus vier Pfählen mit einem Blätterdach. Außerdem werden Reparaturmaßnahmen an wenigstens vier weiteren Schulen durchgeführt. Diese sechs Schulen erhalten zudem Sportmaterialien (Bälle usw.). Die Auswahl dieser Schulen erfolgte über eine Prioritätenliste des regionalen MINED.

Alle 33 Schulen des Municipios haben einen starken Bedarf an „pupitres“, den Schulstühlen mit Schreibfläche. Wir werden daher 1.000 dieser pupitres anschaffen, die nach einem Bedarfsschlüssel des MINED an die bedürftigen Schulen verteilt werden.

Kampagne gegen „Schulabstinenz“

Einen Monat vor Beginn des neuen Schuljahres wird es im gesamten Municipio eine Aufklärungskampagne geben, die zum regelmäßigen Schulbesuch auffordert. Denn ähnlich wie in San Rafael del Sur sind die Armut und die damit verbundene Erwerbsarbeit von Kindern nicht ausschließlich Grund für „Schulabstinenz“. Häufig ist es auch schlicht das fehlende Bewusstsein der Eltern darüber, dass Bildung die beste Voraussetzung dafür ist, dass die Kinder bessere Chancen und Perspektiven im Leben erhalten. Gemeinsam mit dem MINED erwarten wir, dass die Einschreibungszahlen steigen werden.

„Runder Tisch Bildung“

Eingebettet sind diese Projektkomponenten in die Bildung und die Arbeit eines „Runden Tisches Bildung“, zu dem alle relevanten Akteure des Municipios eingeladen werden: lokale Regierung und Verwaltung, MitarbeiterInnen des regionalen MINED und des Gesundheitszentrums, VertreterInnen der vier Nichtregierungsorganisationen, die in Villa El Carmen in der Vergangenheit, wenn auch nicht kontinuierlich und mit anderen Schwerpunkten, im Bildungs- und Gesundheitsbereich tätig waren, und alle interessierten Einzelpersonen. Der „Runde Tisch Bildung“ wird die Projektmaßnahmen begleiten, koordinieren und evaluieren, wie sich die einzelnen Akteure – vielleicht unter Erzielung von Synergieeffekten – in die nachhaltige Verbesserung des Bildungssektors einbringen können. Darüber hinaus soll das Gremium, das nach Projektende weiter zusammenkommen wird, zukünftige Beiträge zur Verbesserung der Bildungsarbeit erarbeiten und verbindlich festgelegte Aufgaben verteilen.

Kosten

Die Gesamtkosten des Projekts werden sich auf 89.487 Euro belaufen, von denen der Verein über Spenden und Mitgliedsbeiträge 22.372 Euro aufbringen muss. Darin enthalten sind übrigens auch Gehälter für fünf CEDRU-MitarbeiterInnen, die das Projekt federführend leiten. Wir freuen uns sehr, dass wir durch dieses Projekt – sozusagen als Nebeneffekt – diesen Kern an Menschen in Arbeit halten können.

(K)eine leichte Entscheidung

Als im August des Jahres unsere Vorsitzende, Heike Krieger, Vorstandsmitglied Kerstin Wippel und unser hauptamtlicher Mitarbeiter Erich Köpp im Rahmen der Delegationsreise des Bezirks in San Rafael del Sur waren, stießen sie im gesamten Municipio an allen Ecken und Enden auf Schilder, Transparente und „placas“ (Tafeln), die auf Projekte und Aktionen der „Aso Berlin“, wie der unser Verein (Asociación Berlin) dort kurz genannt wird, und CEDRUs hinwiesen – von Schulneubauten über Gesundheitskampagnen und längst beendeten Projekten bis zu aktuellen PISA-Projektkomponenten. Das machte ihnen sehr deutlich, wie wichtig und umfangreich die Arbeit des Vereins in nun fast einem Vierteljahrhundert war und ist. Gleichzeitig wurde ihnen, auch durch die Projektanfrage aus Villa El Carmen selbst und durch Gespräche mit den FreundInnen von CEDRU, klar, dass die (sicher notwendige) Verwaltungsgrenze zwischen zwei Municipios die in Villa El Carmen lebenden Menschen von den hier erreichten Fortschritten ausschließt – obwohl sie dieselben Bedürfnisse haben und dieselben Rechte besitzen wie die Menschen in San Rafael del Sur.

Daher fiel die Entscheidung, ein erstes Projekt in Villa El Carmen durchzuführen, einerseits leicht, andererseits bedeutet das Betreten von „Neuland“ immer einige Risiken. Der Erweiterte Vorstand hat deshalb in Abstimmung mit CEDRU beschlossen, in diesem „kleineren“ Projekt zum einen reale und nachhaltige Hilfe zu leisten und zum anderen in dessen Verlauf Erfahrungen in Bezug auf die Kooperation mit den dortigen offiziellen Akteuren und privaten Aktivisten zu sammeln. CEDRU wird nach Projektende eine entsprechende Evaluierung vornehmen. Das soll kein Misstrauen gegenüber den Menschen und Institutionen von Villa El Carmen bedeuten, sondern eine behutsame gegenseitige Annäherung von Partnern sein, die in Zukunft gegebenenfalls weitere gemeinsame Projekte einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit realisieren wollen.

Das Projekt „Förderung der Bildung und Ernährung für Schulkinder in ländlichen Gebieten von Villa El Carmen, Nicaragua“ hat also den Charakter eines Pilotprojekts, dem bei Erfolg weitere folgen können. Andererseits wird es keinesfalls bedeuten, dass die entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit unserem „Stammland“ San Rafael del Sur zukünftig vernachlässigt werden soll. Im Gegenteil: Nach der vorläufigen Ablehnung des in der letzten ATABAL-Ausgabe vorgestellten FOMEDUSA-Projekts durch die EU sind wir in intensiven Gesprächen mit CEDRU und Franz Thoma über zukünftige Projekte.

Tilo Ballien