"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 66 / Winter 2008
 
 

ASA-Forschungsaufenthalt in San Rafael del Sur
Eva Georg und Juliane Weiss evaluieren unser PISA-Projekt

Flughafen Frankfurt am Main, 13. August 2008, 21:00 Uhr, Schalter 408: Treffpunkt der beiden ASA-Stipendiatinnen für den Anfang ihrer dreimonatigen Zeit in San Rafael de Sur.

Was für eine Aufregung: Nach zwei Vorbereitungsseminaren mit ASA, einem Treffen in Berlin-Kreuzberg mit der Städtepartnerschaft, mehreren Emails nach und von Nicaragua und etlichem Vorbereitungsstress und einigen Abschiedstreffen ist es endlich so weit! Wir haben uns planmäßig am Schalter 408 getroffen, der Flieger ist da, es kann losgehen.

Losgehen??? Losgehen!!! Oh je, und wieder kommt sie in uns hoch, die Aufregung, aber auch die Angst... Aber jetzt sind wir endlich zusammen, können unser Praktikum, unser Abenteuer, unser Leben für die nächsten drei Monate angehen.

Armut, Gender, Empoderamiento de la Mujer (Stärkung der Frau), Auswertungen von Fragebögen, Auswertung allgemein: das sollten unsere Schlagwörter für die nächsten drei Monate sein. Als Soziologiestudentinnen haben wir das alles mal gelernt – in der Theorie! Nun liegt es an uns, etwas daraus zu machen.

Zehn Wochen später…

Hier nun ein kleiner Zwischenbericht mit den ersten Resultaten!

Das PISA-Projekt (Proyecto Integral para el Fomento de la Seguridad Alimentario, Integriertes Projekt zur Förderung der Ernährungssicherheit) ist nach 30 Monaten am 31. August 2008 beendet.

Unsere Aufgabe hier in Nicaragua ist es, einige Komponenten dieses Projektes unter Gender-Gesichtspunkten zu evaluieren. Das heißt zu überprüfen, inwiefern die Frau in dieses Projekt eingebunden wurde, was es ihr gebracht hat. Hauptaufgabe unserer Arbeit ist die Fragestellung: „Gab es durch das PISA-Projekt und dessen Maßnahmen ein Empoderamiento, eine Stärkung der Frau?“

Was bedeutet nun Empoderamiento genau?

Empoderamiento der Frau kann an verschieden Indikatoren gemessen werden, zum Beispiel: Wie viel Mitspracherecht hat die Frau innerhalb ihrer Familie und ihrer Gemeinde? Hat die Frau Einfluss auf Entscheidungen, die getroffen werden? In welchem Maß nimmt die Frau an Treffen ihrer comunidad teil? Welchen Zugang zu Ressourcen wie Geld, Informationen, Zeit und Land hat sie, und vor allem, inwiefern ist sie sich darüber bewusst, dass sie dem Mann gegenüber gleichberechtigt ist?

Mit all diesen Informationen haben wir in den ersten zwei Wochen einen Fragebogen für ein offenes Interview entworfen, der uns nicht nur zeigen soll, ob die Frauen gestärkt sind oder nicht, sondern eben auch, wie viel die Maßnahmen und Fortbildungen des PISA-Projektes zu dieser Entwicklung beigetragen haben. Im Laufe der folgenden fünf Wochen haben wir insgesamt 16 verschiedene comunidades besucht, 39 Interviews mit Frauen und Männern geführt, diese mit einem Aufnahmegerät aufgezeichnet und sie dann im Büro abgetippt, was aufgrund der Sprachbariere nicht immer einfach war.

In den comunidades kam es für uns ein wenig zu dem so viel beschworenen Kulturschock. Die Unterschiede gerade in Bezug auf die Hausarbeit zwischen Deutschland und Nicaragua sind riesig. In den meisten Familien, die wir besucht haben, wohnen zum Teil fünf bis zwölf Familienmitglieder in einem oder in zwei Räumen. Gekocht wird noch mit Feuerholz, weil Gas einfach zu teuer ist.

Es gibt kaum Familien in denen es ein festes Einkommen gibt. Sie leben ausschließlich von den Ergebnissen ihrer Ernte, indem sie diese selbst konsumieren. Den Rest verkaufen sie, um sich Produkte wie Reis, Öl oder Kleidung leisten zu können. Wäschewaschen ist Hauptaufgabe der Frauen, und selbst dort, wo die meisten comunidades und Haushalte mittlerweile fließendes Wasser haben, gehen die Frauen noch oft zum Fluss, um dort ihre Wäsche zu waschen, weil es ihrer Meinung nach dort einfach schneller geht. Auch gibt es in den meisten Häusern keinen gebauten Boden, also Beton oder Fliesen, sondern nur festgetretene Erde, und die Haustiere (meistens Hühner, Hunde, Katzen und Schweine) sind überall. Dementsprechend müssen die Frauen auch hier sehr viel Arbeit investieren, um alles sauber zu halten.

Nun sind wir seit einer Woche dabei die Interviews auszuwerten und unseren Abschlussbericht zu schreiben. Sind die Frauen nun gestärkt oder nicht? Natürlich lässt sich das nicht so leicht sagen.

Wir sind während unserer Interviews auf einige sehr starke und sich der Genderproblematik sehr bewusste Frauen getroffen, die ihre Einstellung auch an ihre Kinder weitergeben werden. Auf der anderen Seite haben wir auch Frauen getroffen, die noch sehr in ihrer traditionellen Rolle gefangen sind und kaum Hilfe von ihren Ehemännern z.B. in Bezug auf Hausarbeit bekommen.

Was wir aber bereits sagen können, ist, dass den Workshops (capacitaciones), die die Frauen erhalten haben, eine große Bedeutung zugesprochen werden muss. In den Fällen, in denen ein Wandel zum Teil nicht nur im Bewusstsein der Frau, sondern auch des Mannes stattgefunden hat, wurden meistens eben diese capacitaciones als eine Ursache genannt.

Auch dass einige Frauen durch das Saatgut, das sie erhalten haben, nun nicht mehr nur den ganzen Tag im Haus sind, sondern auch auf die Felder gehen und säen, auf die Saat aufpassen und später ernten, stärkt das Bewusstsein der Frauen, gibt ihnen mehr finazielle Macht und somit auch mehr Unabhängigkeit und Entscheidungsspielraum. Frauen fühlen sich stärker durch das Wissen, das sie in den capacitaciones erhalten haben. Der Verkauf der Ernte und die zusätzliche Nahrung oder deren Diversifizierung verändern die Ernährungssituation in den ländlichen Haushalten. Was sie vorher teuer kaufen mussten, oder sich oft nie leisten konnte, bauen sie jetzt selbst an.

Mit Erkenntnissen wie diesen ist es also schon möglich zu sagen, dass das PISA-Projekt zu einer Stärkung der Frauen in San Rafael beigetragen hat. An der genauen Auswertung schreiben wir aber noch.

Vorläufiges Fazit

Für uns ist das Praktikum nun fast beendet, und wir haben in den letzten zwei Monaten unglaublich viel gelernt. Nicht nur im universitären Sinne, sondern viel mehr auch über das Leben der Menschen hier in Nicaragua.

So viel wir gelernt haben, so viel hat es uns auch zum Nachdenken angeregt. Nicht nur der klare, krasse Gegensatz zwischen arm und reich (vor allem innerhalb des Landes sowie auch zwischen Lateinamerika und Europa) hat uns geschockt, sondern auch die einfache Frage: Wie stark sind eigentlich die Frauen in Deutschland, wie viel Mitspracherecht auf familiärer, aber auch institutioneller Ebene haben eigentlich die Frauen in Deutschland? Sind wir wirklich so emanzipiert und fortgeschritten, wie wir immer denken?

Was noch? Die politische Situation des Landes, die gerade echt krass ist – was ist eigentlich von der Revolution geblieben, fragen wir uns? Zudem sind am 9. November Kommunalwahlen, deren Propaganda uns gerade an allen Ecken ins Gesicht schlägt und deren Ausgang heiß diskutiert wird, die vor allem aber vielleicht noch einmal die Richtung der Politik des Landes ändern werden.

Es bleibt hochspannend.
Viele liebe Grüße aus San Rafael im regnerischen Monat Oktober,

Eva Georg und Juliane Weiss