"Atabal de Nicaragua"
Informationsblatt zur Solidaritätsarbeit in Nicaragua
Nr. 66 / Winter 2008
 
 

Zu Besuch in San Rafael del Sur

Ein Ausdruck des anhaltenden Interesses von Bezirksamt und BVV Friedrichshain-Kreuzberg an der Städtepartnerschaft mit San Rafael del Sur sind die im Abstand von einigen Jahren durchgeführten Besuche politischer Delegationen in der Partnergemeinde. Es war eine überwiegend „grüne“ Gruppe, die sich in der zweiten Augusthälfte diesen Jahres auf den langen – und natürlich privat finanzierten- Weg nach Mittelamerika machte: Bürgermeister Franz Schulz, Stadträtin Monika Herrmann, BVV-Vorsitzende Marianne Burkert-Eulitz, BVV-Mitglied Dirk Wesener und der Senatsabgeordnete Dirk Behrendt wurden begleitet von Stadtrat Knut Mildner-Spindler von der Partei Die Linke und drei Mitgliedern des Fördervereins. Optimal betreut von Franz Thoma und dem Team von CEDRU absolvierten sie innerhalb einer Woche ein umfassendes Besichtigungs- und Informationsprogramm quer durch den Landkreis San Rafael del Sur bis hin zu einem Empfang durch die neue Botschafterin Deutschlands, Betina Kern, in der Hauptstadt Managua. Die Förderung der landwirtschaftlichen Produktion, die Versorgung ganzer Dörfer mit zentralen Trinkwassersystemen, die Situation im Bildungs- und Gesundheitssektor, die Gespräche mit nahezu allen ehemaligen Bürgermeistern der vergangenen 22 Jahre oder der Elterninitiative Pipitos, die für eine Förderung ihrer behinderten Kinder kämpfen, die politische Situation kurz vor den Kommunalwahlen: Alle Themen stießen auf ein großes Interesse der DelegationsteilnehmerInnen.

Es sind die direkten Gespräche mit den so genannten Begünstigten, die den stärksten Eindruck davon vermitteln, welche Bedeutung die im Rahmen dieser Städtepartnerschaft geleistete Arbeit für die Menschen in der Partnergemeinde hat. Nicht jeder Kleinbauer, der der Delegation mit großem Stolz seine ökologisch bewirtschaftete Parzelle mit diversifiziertem Anbau präsentiert, die ihm nun Ernährungssicherheit und ein erhöhtes Einkommen ermöglicht, kann wirklich Lesen und Schreiben. Aber seinen Kindern kann er jetzt die Bildung und die gesundheitliche Versorgung garantieren, die er selbst in seinem Leben nicht immer wahrnehmen konnte. Denn auch dafür stehen die Projekte des Städtepartnerschaftsvereins: Unterstützung der Gesundheitszentren der Region mit Medikamenten für die Impfung aller Kleinkinder, für Kampagnen gegen Malaria und Diarrhö, zwei mit geringen Mitteln vermeidbare Krankheiten, an denen weltweit andere Kinder sterben. Nach einem Gespräch mit den engagierten ÄrztInnen hat niemand mehr Zweifel an der absoluten Notwendigkeit dieser Maßnahmen, die für San Rafael del Sur wesentlich zum Erreichen eines der acht Millenniumsentwicklungsziele beitragen. Oder das Beispiel Bildung: Wie können Kinder lernen, wenn sie seit Jahren in einem brüchigen Bierzelt ohne festen Boden untergebracht sind, das im Sommer in Gluthitze verbrennt und in der Regenzeit im Schlamm versinkt? Ohne Bücher, ohne Hefte, oft genug ohne ein Frühstück im Bauch? Quizalá heißt der kleine Ort, wo die Delegation diese unhaltbaren Zustände für die 34 SchülerInnen besichtigen konnte. Und es ist ein besonders befriedigendes konkretes Ergebnis der Delegationsreise, dass der Verein als Folge des Besuchs dieser kleinen „Schule“ von der LEZ kurzfristig Zuschüsse für den sofortigen Bau eines festen Klassenraumes beantragt und erhalten hat, so dass die Kinder noch vor Ende des Jahres eine neue Aula beziehen können. An diesem Beispiel ist den DelegationsteilnehmerInnen vielleicht am eindringlichsten vermittelt worden, wie anhaltend wichtig die Städtepartnerschaft noch immer für die Menschen in San Rafael del Sur ist. Wir können uns daher ihrer Unterstützung auch zukünftig sicher sein.

Erich Köpp