Ehrenamt ist Knochenarbeit - wenn man wirklich helfen will

San Rafael del Sur klingt schön. Um dorthin zu kommen, muss man 9000 Kilometer Entfernung hinter sich bringen. Dann befindet man sich rund 45 Kilometer südlich von Managua, der Hauptstadt Nicaraguas, knapp 900 Meter über dem Meeresspiegel und in einem Leben, das so ganz anders ist, als das Leben hier. In dem Landkreis, der aus einer kleinen Stadt und 59 Dörfern besteht, leben rund 58 000 Menschen. Die meisten von ihnen sind Kleinstlandwirte, in der Stadt San Rafael gibt es ein wenig Industrie und Handel. Manche Gemeinden sind nur über schmale Sandpisten zu erreichen, die sich in der Regenzeit als unpassierbar erweisen, es gibt wenig Schulen und von den wenigen führen viele nur bis zur zweiten Klasse. Sauberes Trinkwasser kommt nicht wie hierzulande überall und einfach aus der Wand, wer krank ist, kann nicht unbedingt sicher sein, medizinisch versorgt zu werden. Die Stadt San Rafael hat ein jährliches Haushaltsbudget von rund einer Million Dollar. Dafür bekommt man in Deutschland noch nicht mal einen Mittelklasse-Fußballspieler.

 

Viele Touristen würden die Gegend ursprünglich schön, die Menschen natürlich und freundlich und das Leben einfach aber herzlich finden. Touristen sind eine besondere Spezies. Manchmal aber passiert es, dass Menschen irgendwohin fahren und das, was sie gesehen haben, nicht mehr vergessen, Aus Anteilnahme wird dann im guten Falle Teilnahme. Das kann den einen nützen und den anderen wichtig sein. Bleiben trotzdem 9000 Kilometer Entfernung und die Frage, wie da aus Anteilnahme Teilnahme organisiert werden kann. Am 28. Januar 1986 wurde im Kreuzberger Rathaus eine Städtepartnerschaft zwischen dem Bezirk Kreuzberg und dem Landkreis San Rafael del Sur offiziell besiegelt. Offiziell, weil es sie eigentlich bereits seit zwei Jahren gab, initiiert vom Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Kreuzberg - San Rafael del Sur e.V..

 

Die Städtepartnerschaft hat die Wende, die Bezirksreform und die nachlassende mediale Aufmerksamkeit an dem kleinen Land Nicaragua überlebt. Ebenso den Rückzug ins Private, das sinkende Interesse an innenpolitischen Themen und außenpolitischen sowieso, die wachsenden existenziellen Sorgen in diesem Land und die damit verbundene Unmöglichkeit, sich auch noch um die Sorgen anderer zu kümmern.

 

Jahr für Jahr engagieren sich die 120 Vereinsmitglieder, unterstützt von Politikerinnen und Politikern des Bezirkes, für das Fortbestehen des Projektes, sammeln Spenden, organisieren Brigaden, die vor Ort Trinkwasserleitungen legen, Wald aufforsten, landwirtschaftliche Projekte unterstützen, Schulen bauen. Klar, denkt da mancher, ist doch Abenteuer, mal so ein paar Wochen nach Nicaragua und ein bisschen arbeiten, abends am Lagerfeuer sitzen, Freunde fürs Leben finden, Revolutionsromantik wo man geht und steht.

 

Wer sich für eine Arbeitsbrigade nach San Rafael des Sur meldet, bezahlt die Reisekosten selbst und den Aufenthalt dort auch, arbeitet unentgeltlich und hart und lebt bei einer der dort ansässigen Familien. Das ist schön, keine Frage, hat aber mit Revolutionsromantik und Heldenmythen wenig zu tun. Das haben bislang rund 500 Menschen erfahren, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt, manche aber schon jenseits der 60. Heute sind 75 Prozent der Region mit sauberem Trinkwasser versorgt. Zum Beispiel. In den vergangenen Jahren haben 3000 Familien Nutzen aus einem Projekt gezogen, dessen Grundidee einfach ist und die wohl deshalb gut funktioniert. Man kann als Familie fünf Schafe und einen Schafbock bekommen. Daraus werden in zwei Jahren rund 40 Tiere. Von denen gibt man fünf plus zwei wieder zurück, damit andere sich ebenfalls eine Existenzgrundlage aufbauen können. Das Gleiche ist mit Saatgut möglich - man bekommt es und nach zwei Jahren steht man auf eigenen Füßen. Vorausgesetzt es hat kein Unwetter gegeben, keine Seuche, kein anderes Unglück.

Jahr für Jahr versuchen die Vereinsmitglieder Spenden zu bekommen, zusätzlich zu Fördermitteln der EU, des Stadtbezirks, des Senates und des zuständigen Bundesministeriums, die für die Sachkosten der Projekte vor Ort gebraucht werden. Rund 50 000 Euro Spenden kommen jährlich zusammen. Aber es wird schwerer und manchmal muss man die Gefühle abschalten und Sätze sagen wie: "Wenn ein Hurrikan gewütet hat, haben wir die Chance, mehr Spenden zu bekommen, und müssen schnell handeln." Wie oft liest man heutzutage etwas über Nicaragua in der Zeitung? Wie kann man ein Gefühl für etwas entwickeln, dass mit dem Leben in 9000 Kilometer Entfernung zu tun hat? Trotzdem sind bis heute mehr als drei Millionen Euro in die Projekte investiert worden und ein gutes Drittel davon stammt von privaten Spendern.

 

Und so hoffen die Vereinsmitglieder auch in diesem Jahr, dass es wieder funktioniert, dass wieder ausreichend Geld zusammenkommt, um in San Rafael del Sur Hühner, Schafe und Saatgut zu verteilen, Trinkwasserleitungen zu bauen, oder Gesundheitszentren. Sie treffen sich jeden Donnerstag in dem einstigen Ballhaus der Naunynstraße 27 und planen. Ehrenamtlich. Jede und jeder wird dafür einen anderen Grund haben. Ist ja auch egal. Hauptsache, sie schaffen es auch dieses Jahr wieder, Geld für ein bisschen Zukunft zu sammeln, die dann zwar nicht hier stattfinden wird, aber auch nicht in einer anderen Welt. Wenn man es recht bedenkt.

 

Katrin Gerlof